Schematherapie

Was ist Schematherapie?

Vielleicht kennen Sie es, dass Sie manchmal Situationen ruhig, besonnen und zu Ihrer Zufriedenheit gestalten. Ein schwieriges, aber gut verlaufenes Konfliktgespräch oder eine emotional schwierige Situation, die gut bewältigt wurde. Und dann wiederum gibt es möglicherweise Situationen, nach denen Sie sich über Ihr eigenes Verhalten im Nachhinein ärgern oder dieses Ihnen weitere Schwierigkeiten bereitet. Stundenlanges Serien schauen, anstatt sich mit der anstehenden Prüfung und dem Lernstoff auseinanderzusetzen; ein Konflikt, in dem Sie sehr emotional reagiert haben und der anderen Person gegenüber nicht mehr konstruktiv aufgetreten sind; ein eigentlich vermeintlich kleiner Vorfall, der Sie völlig aus dem Konzept gebracht hat.

Wie wir Situationen, uns selbst und Kontakte zu anderen Menschen wahrnehmen, interpretieren und wie wir uns daraufhin verhalten, wird maßgeblich durch das geprägt, was wir in unserem Leben bisher erlebt haben. Genau an diesem Punkt setzt die Schematherapie an. In deren Rahmen beschäftigen wir uns damit, was in Ihrer Biographie geschehen ist: Wie wichtige Bezugspersonen oder auch z. B. Mitschüler*innen mit Ihnen umgegangen sind. Inwiefern Ihre emotionalen Grundbedürfnisse im Kontakt mit anderen (größtenteils) erfüllt oder frustriert wurden.

Emotionale Grundbedürfnisse und Schemata

Zu emotionalen Grundbedürfnissen gehört beispielsweise Liebe, Anerkennung und Zuneigung zu erhalten, ohne dass wir dafür etwas leisten müssen. In gesundem Maße Grenzen gesetzt zu bekommen, die uns Orientierung bieten, aber auch uns unabhängig von unseren Bezugspersonen entwickeln und unseren eigenen Weg gehen zu dürfen. Raum für unsere Gefühle und Bedürfnisse zu haben und adäquate Reaktionen auf das Äußern dieser zu erhalten. Es ist unrealistisch – und in meinen Augen auch nicht notwendig oder gut – immer direkt alle Bedürfnisse erfüllt zu bekommen – Stichwort Entwicklung einer gesunden Frustrationstoleranz. Es ist auch wichtig für uns zu lernen, dass wir manchmal Bedürfnisse nicht (unmittelbar) erfüllt bekommen. Werden wichtige emotionale Grundbedürfnisse jedoch sehr stark frustriert oder dauerhaft nicht erfüllt, beeinflusst dies,

  • wie wir fühlen und handeln
  • was wir über uns und anderen denken und
  • was wir in Interaktion mit anderen Menschen erwarten.

Es bilden sich sogenannte Schemata, die aus Gefühlen, Gedanken, Körperempfindungen und Verhaltensweisen entstehen. Ein Beispiel für ein Schema ist „Unzulänglichkeit“, also die Überzeugung, dass ich nicht gut genug bin. Dies wirkt sich auf meine Gedanken, aber auch auf mein Verhalten aus – zum Beispiel, wenn ich mich gar nicht erst auf den Job bewerbe, den ich eigentlich gerne ausüben würde, da ich denke, dass ich ihn eh nicht bekommen werde, oder indem ich nicht zur Prüfung gehe aus Angst zu versagen. Ein anderes Beispiel ist das Schema „Im Stich gelassen“ – die Annahme, dass ich mich ohnehin nicht auf andere verlassen kann. Hier könnte ich beispielsweise versuchen, mich möglichst nicht von anderen abhängig zu machen, um nicht enttäuscht zu werden. Die beschriebenen Reaktionen stellen sogenannte Bewältigungsmechanismen dar. Aber wie entstehen diese?

Bewältigungsmechanismen

Starke oder dauerhafte Bedürfnisfrustration löst belastende Gefühle aus – und mit diesen will umgegangen werden. Wir alle entwickeln Bewältigungsmechanismen, die uns helfen, belastende Gefühle auszuhalten oder zu regulieren. Als Kinder sind wir noch sehr stark darauf angewiesen, dass unsere Bezugspersonen uns dabei unterstützen, anleiten und uns bestenfalls altersangemessene, gesunde Bewältigungsmechanismen beibringen, die langfristig hilfreich sind. Fehlt eine entsprechend gute Anleitung oder haben wir keine guten Rollenmodelle, die uns bei der Entwicklung gesunder Bewältigungsmechanismen unterstützen, entstehen oftmals weniger gesunde Bewältigungsmechanismen, die wir auch als „dysfunktional“ bezeichnen. Oftmals sind diese zwar auf kurze Sicht hilfreich und wirksam, richten jedoch auf lange Sicht schaden an. Um eins der obigen Beispiele aufzugreifen: Kurzfristig ist es natürlich viel angenehmer, eine nette Serie zu schauen als sich mit herausforderndem Prüfungsstoff auseinanderzusetzen (Bewältigungsmechanismus „Vermeidung“). Wenn ich dann jedoch feststelle, dass fünf Stunden vergangen sind und die Prüfung schon bald ist, werde ich langfristig jedoch noch mehr Stress und Zeitdruck haben – und möglicherweise tatsächlich durchfallen, da ich nicht genug gelernt habe. Wenn ich aus Angst in eine Opferrolle zu geraten und Mobbing zu erfahren stattdessen andere Kinder einschüchtere oder diese womöglich selbst mobbe, fühle ich mich zwar kurzfristig stark und sicher, habe aber vermutlich langfristig zunehmend soziale Konflikte oder bekomme auch richtig Ärger für mein Verhalten (Bewältigungsmechanismus „Überkompensation“). Wenn ich in einer Beziehung bleibe, in der andere nicht gut mit mir umgehen, umgehe ich zwar vielleicht eine massive Eskalation des Konfliktes, ertrage jedoch auch auf Dauer eine schlechte Behandlung, die sicherlich nicht förderlich für meinen Selbstwert ist (Bewältigungsmechanismus „Erduldung“).  

Das Modusmodell – Arbeit mit inneren Anteilen

Da es sehr viele Schemata gibt und oftmals mehr als eins aktiv ist – und es  zusätzlich auch häufig mehr als eine Bewältigungsstrategie gibt, wurde das sogenannte Modusmodell entwickelt. Während Schemata überdauernd und über einen langen Zeitraum da sind, sind Modi viel kurzlebiger und wir wechseln häufiger zwischen diesen – in etwa so, als würden wir zwischen verschiedenen Apps auf unserem Handy wechseln. Ein Modus ist ebenfalls mit für ihn typischen Gefühlen, Gedanken, Körperempfindungen und Handlungen verknüpft. Es gibt verschiedene Modustypen:
– die sogenannten Elternmodi, die oft kritische und übermäßig fordernde Botschaften haben (z. B. „Du bist nicht gut genug!“ oder „Du darfst keine Fehler machen!“).
Wir nennen diese manchmal auch einfach „Kritiker“.
– die Kindmodi, in denen all die oben genannten belastenden Gefühle aktiviert werden (z. B. Traurigkeit, Angst, Minderwertigkeitsgefühle, …).
– die Bewältigungsmodi, die versuchen, die belastenden Gefühle im Kindmodus zu regulieren und zu bewältigen.
– der Modus des*der gesunden Erwachsenen, in dem wir beispielsweise gut mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen im Kontakt sind, uns gut für diese einsetzen mit gesunden Verhaltensweisen, in denen wir Konflikte gut regeln usw..

Wir können uns diese Modi auch wie innere Anteile vorstellen. Je nachdem, welcher Anteil aktiv ist, fühlen, denken und verhalten wir uns sehr unterschiedlich. Werden Schemata durch Erlebnisse aktiviert, werden auch verschiedene Modi aktiv.
Ein Beispiel: War ein Arbeitskollege eher unfreundlich zu mir, während er meinen Projektbeitrag kritisiert hat, aktiviert dies möglicherweise das Schema „Unzulänglichkeit“. Beobachtbar bzw. spürbar sind dann verschiedene Modi, z. B.

  • der Kritiker: „Nie bekommst du etwas vernünftig hin!“,
  • der Kindmodus, der Traurigkeit, Scham, Minderwertigkeit fühlt und
  • der Bewältigungsmodus: mich ganz klein machen und mich sehr oft entschuldigen, mich beim nächsten Meeting doppelt und dreifach anstrengen und versuchen, möglichst perfekte Leistungen zu präsentieren

Wie sieht denn nun die Schematherapie aus?

Im Rahmen der Schematherapie sollen Menschen lernen, ihre Modi zu erkennen und bewusst wahrzunehmen. Es geht zudem darum, die biographischen Ursprünge und die Entstehung der Modi zu verstehen (Beispiel Unzulänglichkeit: ein Elternteil hat immer sehr abwertende Botschaften geäußert, wie beispielsweise „Du wirst es eh nicht hinbekommen.“, „War ja klar, dass das wieder misslungen ist.“ etc.). Ist dies gelungen, wird neben der Bearbeitung von Gedanken und Verhalten vor allem viel auf emotionaler Ebene gearbeitet. Dies passiert zum einem viel mittels der Methode der Stuhldialoge. In deren Rahmen werden verschiedene innere Anteile, unsere „Modi“ auf verschiedene Stühle gesetzt, um innere Prozesse zu verdeutlichen, die verschiedenen Modi miteinander in den Kontakt kommen zu lassen und (oftmals aktuelle) Situationen emotional zu bearbeiten. Eine andere zentrale Methode stellen die sogenannten Imaginationsübungen dar, bei denen in der Vorstellung eine emotionale Auseinandersetzung mit belastenden Kindheitssituationen stattfindet. Zentral ist dabei das „Rescripting“, also das Umschreiben der ursprünglich belastenden Szene: Die Therapeutin oder auch andere Hilfspersonen kommen dem Kind zur Hilfe, begrenzen die Personen, die nicht gut mit dem Kind umgegangen sind (wie beispielsweise ein abwertender Elternteil), und sorgen dafür, dass das Kind in der Vorstellung seine Bedürfnisse erfüllt bekommt und gut versorgt wird (sogenanntes „Nachbeeltern“). Selbstverständlich machen diese Imaginationsübungen die Vergangenheit nicht ungeschehen. Studien haben jedoch gezeigt, dass das Umschreiben die emotionale Reaktion auf entsprechende Erinnerungen an Ereignisse verändert. Warum ist das hilfreich?

Wir gehen davon aus, dass bestimmte Situationen im Erwachsenenalter uns an zentrale Kindheitsereignisse erinnern – und daraufhin starke Gefühle ausgelöst werden, die uns daran hindern, uns im Sinne des*der gesunden Erwachsenen zu verhalten. Es ist in diesen Momenten fast so, als würden wir uns wieder wie das achtjährige Kind fühlen, das völlig hilflos und traurig wird, da das Elternteil so gemeine Dinge sagt, wenn der Kollege uns für unsere Arbeit kritisiert. Dies führt dazu, dass wir uns teilweise nicht so angemessen verhalten, wie wir es gerne tun würden. Vor diesem Hintergrund ist es sehr hilfreich und wirksam, biographische Ereignisse aufzuarbeiten, die uns heute davon abhalten, unsere Beziehungen und unser Leben so zu gestalten, wie wir es uns eigentlich wünschen.

Zentrale Ziele der Schematherapie bestehen darin, die Kritiker mit ihren fordernden und teils abwertenden Botschaften deutlich zu reduzieren oder sogar komplett abzubauen, sodass weniger belastende Gedanken und Gefühle im Kindmodus ausgelöst werden. Wir wollen weniger hilfreiche Bewältigungsmodi abbauen und deren langfristig wenig hilfreiche Strategien durch gute Strategien des Modus des*der gesunden Erwachsenen ersetzen. Zudem ist ein Ziel, dass die Patient*innen ihre Bedürfnisse gut wahrnehmen und sich mit hilfreichen Strategien gut für diese einsetzen können – sei es in der Partnerschaft oder im Beruf. Dabei spielt die therapeutische Beziehung eine sehr wichtige Rolle in der Schematherapie.

Für wen ist die Schematherapie geeignet?

Die Schematherapie eignet sich u. a. für Menschen,

  • deren heutige Probleme oder Herausforderungen einen Ursprung in der Kindheit und Jugend haben.
  • die innere Prozesse besser verstehen möchten, was sie wiederum befähigt, an diesen zu arbeiten.
  • die mit inneren Anteilen arbeiten möchten.
  • die emotionsfokussiert arbeiten möchten.

Die Schematherapie wurde von Jeffrey Young entwickelt. Es handelt sich um eine Methode der Verhaltenstherapie, die im Rahmen der sogenannten „Dritten Welle“ entstanden ist, in deren Rahmen stärker emotionsfokussierte Methoden entwickelt wurden.